Menschen mit Demenz werden ins Alltagsleben miteinbezogen

Theres Meierhofer ist  Betriebsleiterin des Alters- und Pflegeheims Erlenhaus, wo derzeit das grosse Erweiterungsprojekt und der Ausbau der offenen Demenzbetreuung anstehen. Sie erklärt, was das in Zukunft für Betroffene und Angehörige bedeuten kann.

 

 

Im Rahmen des Erweiterungsprojekts Erlenhaus, das die Sanierung des in die Jahre gekommenen Pflegeheims und den Neubau «Bergkristall» mit Alterswohnungen umfasst, sammelt die Stiftung Erlen Engelberg zusätzlich Geld für einen demenzfreundlichen Lebensraum. Wie kam es dazu?

Der Gründung der Stiftung Erlen war mit dem Auftrag verbunden, zusätzlich zur Anschubfinanzierung der Einwohnergemeinde eigene Geldmittel zu beschaffen. Der Stiftungsrat hat beschlossen, den Fokus unserer Spendensammlung auf das Thema «Demenz» zu legen.

 

Theres Meierhofer

Dass Engelberg in der Demenzbetreuung eine wegweisende Rolle einnimmt, ist nichts Neues. Worauf gründet diese Tradition und welche Vision soll mit diesem integrativen und ganzheitlichen Zentrum weitergeführt werden?

Unsere Dorfgemeinschaft war schon lange vor der nationalen Demenzstrategie ein demenzfreundlicher Sozialraum. Das liegt unter anderem daran, dass wir in einem geographisch ziemlich abgeschlossenen Tal wohnen und aufeinander angewiesen sind. So wurden und werden auch Menschen mit einer Demenz im Alltagsleben miteinbezogen, ihre Anliegen werden ernst genommen und auf ihre Verletzlichkeit wird geachtet. In Zukunft werden viele demenzbetroffene Menschen in den Alterswohnungen oder im sanierten Erlenhaus leben, weshalb bei der Planung und Umsetzung unseres Projekts alles unter dem Aspekt der Demenzfreundlichkeit bedacht sein will. Die Stiftung Erlen will ein Kompetenzzentrum für Demenz sein und bleiben.

 

Worin unterscheidet sich dieser demenzfreundliche Lebensraum von herkömmlichen, Demenzabteilungen? Was ist das Spezielle daran?

Ein demenzfreundlicher Lebensraum sollte nicht speziell, sondern vielmehr alltäglich sein. Noch wichtiger als alle die Strukturen, für die wir jetzt Geld sammeln, ist die Haltung der Personen, welche Menschen mit Demenz begleiten. Die Einwohnergemeinde Engelberg leistet grosszügige Beiträge an eine Pflege und Betreuung, die den vielfältigen Bedürfnissen von Menschen mit einer Demenz entspricht.

 

Man hat sich entschieden, im Erlenhaus auf eine geschlossene Demenzabteilung zu verzichten. Weshalb denken Sie, dass Engelberg der richtige Ort für ein offenes Alters- und Pflegeheim ist?

Es gibt gute Gründe für und gegen geschlossene Demenzabteilungen. Anders als in der Grossstadt stellt sich in unserem überschaubaren Dorf das Problem mit der Weglaufgefahr viel weniger. Die Phase, in welcher ein Mensch mit Demenz ständig auf geschlossene Strukturen angewiesen ist, kann nicht einfach definiert werden, weshalb es individuelle Konzepte braucht. Mit unserem betreuten Tagesaufenthalt und einem abgeschlossenen Demenzgarten mit Aktivierungsstationen und Endloswegen können wir vielen Bedürfnissen von Menschen mit Demenz gerecht werden. Gleichzeitig bleiben diese in der Gemeinschaft integriert.

 

Eine wichtige Rolle in der Projektentwicklung spiet der Demenzgarten; was macht diesen Garten besonders?

Wir wollen das Rad nicht neu erfinden, sondern erprobte Gartenkonzepte aus anderen Institutionen prüfen. Wir hatten bereits einen sehr schönen Alpenkräutergarten – einheimische Pflanzen sind wichtig. Dort, wo der Demenzgarten geplant ist, hat es auch kleine Hügel, so wie überall hier in Engelberg.

 

Die baulichen Massnahmen zur Integration von Menschen mit Demenz verursachen Mehrkosten von rund CHF 2 Mio.; Wie setzten sich diese relativ hohen Kosten zusammen?

Wir haben versucht, in unserer Broschüre  die Kosten zusammenzustellen, die dann zur Sprache kamen, wenn wir bei der Planung bewusst über Menschen mit Demenz nachgedacht haben. Darum spreche ich lieber von «Mehrwert» als von Mehrkosten.

 

Was bedeutet das Konzept eines demenzfreundlichen Sozialraums für die Pflegenden?

Die Bevölkerung von Engelberg nimmt unsere Arbeit wahr, was uns motiviert. Wir haben verschiedene demenzbetroffene Bewohnerinnen und Bewohner, die als Botschafter*innen für unser Engagement im Dorf unterwegs sind. In einem Lebensraum, in welchem Demenz kein Tabu ist, bekommt auch all das Schwere, was mit dieser Krankheit verbunden ist, eine gewisse Leichtigkeit.

 

In den Alterswohnungen im Neubau «Bergkristall» können auch Menschen mit einer leichten Demenz leben. Wie wird deren Sicherheit gewährleistet?

Abgesehen von technischen Sicherheitsmassnahmen wird es vor allem unsere Achtsamkeit sein, die wir unseren zukünftigen Mieterinnen und Mietern schenken wollen. Wir werden auch niederschwellige Beratungs- und Begleitungsdienste anbieten.

 

Betrieblich bilden der Neubau Bergkristall und das sanierte Erlenhaus eine Einheit. Worin unterscheiden sich die beiden Gebäude?

Mit Blick auf die Architektur, die Einrichtungen und die Farben her sollen sich die beiden Gebäude voneinander unterscheiden. Aber überall sollen sich Menschen mit Demenz sicher bewegen und Orientierung finden können.

 

Wer profitiert davon, wenn dieses Projekt Realität geworden ist?

Die ganze Dorfgemeinschaft – sei es als Betroffene, Angehörige, Mitarbeitende oder politisch Verantwortliche.

 

Was spürt die Bevölkerung von diesem Erweiterungsprojekt? Was müssen/sollten die Engelbergerinnen und Engelberger darüber wissen?

Der massiv, aber architektonisch sehr ansprechende Bergkristall bedeutet eine Veränderung im Ortsbild, an die man sich zuerst gewöhnen musste. Erst 2022, wenn in beiden Häusern gelebt werden kann, wird sich die Strahlkraft der neuen Alterssiedlung zeigen.

 

Planen Sie Informationsmassnahmen rund um das Thema «Demenz», damit das Projekt von der Talschaft mitgetragen wird?

Wir organisierten – gemeinsam mit Alzheimer OW/NW - in den letzten Jahren verschiedene, sehr erfolgreiche Veranstaltungen zum Thema Demenz. Wir bleiben an diesem Thema dran…

 

Was sind die nächsten Projektschritte, die nun anstehen? Was sind die grössten Herausforderungen, die es zu bewältigen gibt?

Zurzeit denken wir auf drei Ebenen: Zum einen haben wir hier und jetzt Menschen zu begleiten – mit allen Themen, die im Pflegeheimalltag dazu gehören. Als zweites planen wir den Umzug ins Provisorium im Bergkristall, wo wir räumlich begrenzt sein werden. Dementsprechend müssen wir auch unsere Abläufe anpassen. Und schliesslich müssen wir bereits mit dem Stiftungsrat und unseren Planern darüber diskutieren, wie wir in drei Jahren das Leben im sanierten Erlenhaus gestalten möchten. Es braucht ziemlich viel Gelassenheit, in dieser Themendichte die Orientierung nicht zu verlieren. Die grosse Unterstützung in der Bevölkerung bedeutet für uns Auftrag und Ermutigung zugleich.